Reportage Antwerpen im März 2014


Diamanten, Europahafen und Rubens
Drei Dinge sind typisch für Antwerpen, die Stadt an der Schelde, die ganz im Norden von Flandern und nur 40 Kilometer von Brüssel entfernt liegt. Die knapp 503.000 Einwohner zählende Stadt, deren vollständig erhaltener historischer Stadtkern zum Bummeln einlädt, ist bekannt für ihren drittgrößten Seehafen Europas, einen schwungvollen Diamantenhandel und den Maler Rubens.
Nahe des malerischen, unter Denkmalschutz stehenden und 1993 komplett sanierten Hauptbahnhofs liegt das Diamantenviertel, das früher in der Hand von orthodoxen Juden war. Inzwischen haben die Inder hier das Ruder übernommen. Nichtsdestotrotz floriert das Geschäft an den vier Diamantenbörsen noch immer; 60 Prozent aller Rohdiamanten werden hier gehandelt. Doch, was längst viel mehr Besucher in die Stadt zieht, ist das außergewöhnlich schöne Angebot an Shops. Chic aus Belgien und Paris vereint sich hier in herrlichen Vierteln, die zum Flanieren einladen. Zum Stöbern in originellen Vintage Boutiquen, die viel mehr Abwechslung versprechen als die von großen Modeketten in Beschlag genommenen Cities der so genannten Modemetropolen, die sich vielerorts längst dem Mainstream ergeben haben. Nirgendwo sonst in Europa ist das Angebot an ausgefallener Second-Hand Mode für Damen und Herren größer als in den Fußgängervierteln von Antwerpen. Doch nicht nur das, auch ausgesuchte Designermode findet der Besucher hier in Hülle und Fülle. Besonders rund um die Nationalestraat, wo auch Dries van Noten, einer der berühmtesten Absolventen der Antwerpener Mode Akademie, seinen Flagship Store hat.

Schöne Künste und Mode überall
1663 wurde die Akademie of Fine Arts, Architecture und Design gegründet. Sie residiert noch heute in einem neoklassizistischen weißen Bau im Herzen der Stadt, umgeben von weißem Mauerwerk, hohen Zäunen und dichtem Grün. Vincent van Gogh verbrachte hier einige Jahre, bevor er nach Frankreich ging. Auch die Academie feiert in diesem Jahr ihr 350-jähriges Bestehen, mit einer Sondershow im Museum an de Stroom (noch bis 26.01.2014).
1963 entstand das Fashion Design Department, genannt Mode Akademie. Anfang der 80-er Jahre erhob sie sich zu großer Popularität, dank den »6 plus 1 von Antwerp«. Sechs, nein pardon: 7 sehr unterschiedliche Modedesigner hatten hier ihre Ausbildung erhalten und machten zur gleichen Zeit ihren Abschluss. Von hier aus eroberten ihre Kreationen die internationalen Laufstege. Dirk Bikkembergs, Walter van Beirendonck, Marina Yee, Dries van Noten, Dirk van Saene und Ann Demeulemeester hießen die 6, Nummer 7 war Martin Margiela, der große Individualist. Zugegeben, sehr unterschiedlich waren ihre Arbeiten, aber eins einte sie: ungebrochene Kreativität, perfektes Handwerkszeug und hoch professionelles Arbeiten. So schaute die Modewelt immer stärker dahin, wo sie und auch andere bekannte Modedesigner herkamen: Auf die Mode Akademie.

50 Jahre Modeakademie Antwerpen
Mary Prijot war die erste Chefin der Modeakademie seit ihrer Gründung 1963. Sie war fasziniert von Mode und Kostümdesign, außerdem ein bekennender Fan von Coco Chanel und der französischen Eleganz. Anfangs mussten die Studenten während ihrer Ausbildung Paris und London besuchen, um ihren modischen Horizont zu erweitern. Viele Direktoren folgen im Laufe der Jahrzehnte, sie alle haben mit ihrem Stil das Ansehen der Akademie geprägt und maßgebliche Elemente der Strömungen aus Mode, Musik und Gesellschaft miteingebracht. Die Ausstellung im ModeMuseum Antwerpen unter dem Dach der Modenatie widmet den Leiterinnen und Leitern viel Raum, noch mehr aber den Designerinnen und Designern, die hier ihren Job von der Pike auf gelernt haben.
Eindrucksvoll, was der Besucher schon im weitläufigen Treppenhaus zu sehen bekommt. Filmaufnahmen und Interviews mit allen künstlerischen Leitern der Akademie laufen, Wände voller Modezeichnungen und Räume voller phantasievoller Kreationen in allen nur denkbaren Optiken, Farben und Stoffen geben einen Eindruck davon, wie viel gebündelte Kreativität in der Antwerpener Modeakademie in den vergangenen 50 Jahren zu Hause war.
Seit 2006 ist Walter von Beirendonck künstlerischer Leiter der Modeakademie. Er selbst hat hier seine Ausbildung 1980 absolviert, war einer von den »6 von Antwerp«.

Ort für Querdenker und Puristen
Im Laufe der fünf Jahrzehnte haben sich die künstlerischen Grenzen an der Modeakademie scheinbar aufgelöst. So wie Elemente aus Musik, Pop, Rock, Streetstyle immer mehr in die Lebenswelt aller jungen Menschen eingedrungen sind, umso wichtiger wurde das Ausprobieren. Das hat vor dem Experimentieren mit Stoffen, Stilen und Texturen keinen Halt gemacht. Im Gegenteil, rückwärts und quer zu denken, ist längst gefragt. Es geht um die Suche nach Extremen. Und wichtig war das Ergebnis, das die Studenten in der Show zum Abschluss ihrer Ausbildung vorweisen mussten.
Auch die hat sich während der letzten 50 Jahre irrsinnig entwickelt. Anfangs fand sie in der Caféteria und dem Wintergarten der Akademie statt. Während der Show lief immer die gleiche Musik, zunächst das Band eines französischen Pelzverkäufers, das Mary Prijot sich als Untermalung geliehen hatte. So, wie der Andrang der Studenten längst international geworden ist, nachdem anfangs nur europäische Studenten nach Antwerpen gekommen sind, sind inzwischen die Klassen von Japanern, Südkoreanern, Russen, Osteuropäern und Indonesiern bevölkert. Und auch die Abschlussshow hat sich eklatant entwickelt. Eine hochkarätig besetzte Jury mit Vivienne Westwood, Alexander McQueen und Suzy Menkes begutachtet die Entwürfe über drei Tage, die im Hangar 29, einer ehemaligen Lagerhalle am Hafenspeicher direkt an der Schelde, stattfindet und inzwischen jedes Jahr etwa 5.000 Besucher in die Stadt lockt. Flankiert werden die Shows von einem Pulk von internationalen Journalisten und Headhuntern, die hier Nachwuchstalente suchen.

Happy Birthday Dear Academie
»Happy Birthday, Dear Academie«, so prangt es in riesengroßen roten Lettern am Eingang der Modenatie. Sie beherbergt das ModeMuseum, das Flanders Fashion Institut und eben die Mode Akademie. Gleich gegenüber wirbt mit fast haushohen Modefotos bebilderte Containerkunst für den Geburtstag. Die ganze Stadt ist im Modefieber scheint es. Dass die Modeakademie noch immer einer der ersten Adressen in der Welt ist, scheint die Antwerpener zu freuen. Und das feiern sie eben.

Happy Birthday Dear Academie, Ausstellung noch bis 16.02.2014,
Nationalestraat 28, 2000 Antwerpen, www.momu.de